Jano van Gool

In de Pers

The Tree of Life. Soeben ausgelesen: Thomas Verbogt – „Wenn der Winter vorbei ist“ (2020) - Keine 100 Seiten und auch keine 50 Seiten, nein genau eine einzige Seite brauchte es.... - David Wonschewski in:  lees meer
Nieuwe roman van Thomas Verbogt, een wrokloze boomer - Thomas Verbogt zoekt naar manieren om van het leven te houden en er zin aan te geven.... - Rob Schouten in: Trouw lees meer
De nieuwe roman van Thomas Verbogt is wijs, ontroerend en spannend - Is Thomas Verbogt weleens negatief besproken?... - Dries Muus in: Het Parool lees meer

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The Tree of Life. Soeben ausgelesen: Thomas Verbogt – „Wenn der Winter vorbei ist“ (2020)

Keine 100 Seiten und auch keine 50 Seiten, nein genau eine einzige Seite brauchte es. Dann wusste ich es bereits, wusste es einfach: „Wenn der Winter vorbei ist“ von Thomas Verbogt wird nicht nur das, was man etwas ungelenk als Lieblingsbuch bezeichnet. Nein, es wird ein Seelen-, ein Lebensbuch. Nunja, zumindest mein Seelen- und Lebensbuch.

Schon klar, dieses Gefühl hat man ab und an auf ersten Seiten. Und die Erfahrung lehrt, dass sich dieses Gefühl einer dauernden Verbundenheit mit der weiteren Lektüre dann doch verblättert, zerliest. Oder in der Nachbetrachtung, einige Monate später, versandet. All das wird mit „Wenn der Winter vorbei ist“ nicht geschehen. Ganz sicher. Denn sollte mich einmal jemand fragen: „David, wie bist du?“, dann werde ich auf dieses Buch verweisen. Ich bin wie der alternde Thomas in „Wenn der Winter vorbei ist“. Genauso schlimm. Was auch bedeutet: So richtig schlimm nun auch wieder nicht. Und so das nicht reicht, so der Fragende es es etwas griffiger haben möchte, kompakter, so wie man es von Freundschaftsbüchern kennt, in denen steht „Beschreibe dich selbst in einem Satz“, dann werde ich mich vielleicht sogar trauen die charakterliche Quintessenz auszusprechen, auf die Thomas in diesem lebensklugen, keinesfalls aber sich selbst glorifizierenden Roman kommt: Ich bin ein „Umarm‘ mich und lass mich gleich wieder los“-Mensch. Mir fällt es schwer mich konsequent auf etwas einzulassen. Ich sehne mich danach bei etwas dabei zu sein, integraler Bestandteil einer Sache aber habe ich nie sein wollen, nie sein können.

Was wird das jetzt hier? Eine eklig seifige Mischung aus pathetischem Scheitern und pseudo-philosophischer Selbstbeweihräucherung? Ja, vermutlich genau das. Was auch sonst? Zwar ist der Protagonist Thomas nicht wie ich Mitte 40, sondern an die 70 als er in seiner Noch-Wohnung steht und Kisten packt, um zu seiner neuen Freundin zu ziehen.  Doch dieser Gedanke, dass es vielleicht das letzte Mal ist, dass er umzieht, dass er sich einer Frau annähert, der hockt ihm so aufdringlich im Schädel wie er auch mir im Schädel hockte als ich vor einigen Monaten vor der gleichen Situation stand. Und mich ebenfalls fragte, was das, was ich die letzten Jahrzehnte so tat und unterließ, was mich über A, B und C in die Situation D führte, eigentlich darstellt. Mir erneut klar wurde wieviele ungezählte Dinge ich schon abbrach und hinter mir ließ, die in der Summe das ergeben, was ich mein Leben zu nennen gezwungen bin. All die bewussten Abschiede, aber auch all die unwillentlichen, all die Leute, die ich kannte, zu denen ich nie Adieu sagte, die einfach plötzlich weg waren, man dachte man trifft sich ja eh bald wieder. Und tat es dann doch nicht, man sah sich nie wieder. Nachdem sie mich so lange begleitet hatten, dass ein anderes Leben, ein anderer Alltag schier undenkbar schien, vollzog sich ihr Fortgleiten unhörbar, unsehbar, schleichend.

Es können einem die Tränen kommen, steht man in einem gewissen Alter in seiner leergeräumten nicht mehr-Wohnung, in die man doch überhaupt erst eingezogen war, damit das neue, das wirkliche, das richtige Leben jetzt endlich losgehen könne.

Ehm, können wir nun auch endlich einmal über das Buch sprechen? Tun wir bereits, sind längst mittendrin. Die Handlung ist im Grunde schon wiedergegeben: da steht ein alternder Mann vor seinen Umzugskisten und kommt ins, tja, Grübeln trifft es nicht, sagen wir besser: Sinnieren. Erinnert sich an ein paar längst verstorbene Männer seiner Vergangeheit – seinen Vater, den besten Freund Bart – zuvorderst aber Frauen, mitunter Verflossene. Die gefühlte Schwester Becky (sie kam als Weise in den Wirren der Nachkriegsjahre in seine Familie), die, zehn Jahre älter als er, der weibliche Bezugspunkt seines kindlichen Lebens war. Mit 20 beschloss auszuziehen, direkt in die USA überzusiedeln. Aber gar nicht erst soweit kam, im Zug nach Rotterdam ihr Lebensende fand. Dann Lin, die 13jährige, die dem seinerseits 20jährigen in einem Sommerlager zwei unbedarfte Küsse auf die Lippen verabreichte, was in der Folge zu nichts weiter führte. Außer einer lebenslangen stillen Verbundenheit, endend mit ihrem Krebstod einige Jahrzehnte später.  Oder seine erste echte Jugendliebe, mit der er gemeinsam den Schulabschluss machte und die ihn direkt danach für einen zwei Jahre älteren Studenten sitzen ließ. Was ihn gleichermaßen schmertze wie es sich richtig, nachvollziehbar, als korrekter Lauf der Dinge für ihn anfühlte. Das ist es auch schon.

„Die Wohnung, in der ich gut fünfzehn Jahre lang gelebt habe, ist so gut wie leer. Die meisten Dinge sind bereits bei Aimee, immer noch viel zu viele, ‚aber die sortiere ich dann dort aus‘ – ein Vorhaben, das bei ihr auf keine große Begeisterung stößt.

‚Was wir hier erledigen, können wir uns dort sparen.‘ Sie liebt es, Ballast loszuwerden. Und das meiste, das wir in unseren Häusern, in Schränken, Speichern und Kellern aufbewahren, ist Ballast. Vielleicht ein Versuch, Aufschluss über unsere Persönlichkeit oder die Bedeutung unseres Lebens zu gewinnen, vielleicht auch der Wunsch, wenigstens das zu sein, was wir aufbewahren. Bei Vielem dachten wir einst: ein schönes Andenken für später. Doch es ist viel schneller später, als wir uns das jemals vorstellen konnten, und dementsprechend viel muss dann ein schönes Andenken sein. Die Dinge von einst sind es allerdings eher selten, weil sie nie den Platz bekommen haben, es zu werden.

Aimee kann extrem fragend einen Stapel Briefe hochhalten, die beispielsweise mit einem roten Band zusammengebunden sind, weil ich einst fand, dass ein rotes Band gut zu diesen Briefen passt. Sie stammen von einer Freundin, die mich schnöde sitzen ließ – eine Entwicklung, die so gar nicht zum Ton ihrer Briefe passen wollte. Doch natürlich habe ich selbst dafür gesorgt, dass sie mich schnöde sitzen ließ. Ich habe früh gelernt, mich über solche Dinge nicht zu beklagen. 

‚Wann willst du die lesen?‘ Aimee stellt Fragen so, das sich mir Zeit nehme, ernsthaft über eine Antwort nachzudenken. ‚Vielleicht nie mehr. Ich habe sogar Angst davor‘, erwidere ich. Im Stillen denke ich, dass ich Angst vor allem habe, was mir zu nahe kommt. Vielleicht ist es gar keine Angst, vielleicht will ich es bloß nicht, aber Vieles von dem, was man nicht will, hat auch was mit Angst zu tun.“

Wer schon auf Seite eins so loslegt, wie Thomas Verbogt es hier macht, wird mich gewiss nicht mehr los.

„Wenn der Winter vorbei ist“ zu lesen ist ein wenig so wie den 2011er Terrence Malick-Film „The Tree of Life“ (mit Sean Penn und Brad Pitt) zu sehen. Schonungslose Härte, gebettet auf sanft schwingender Poesie und Philosophie. Eigene Rastlosigkeit und Scheitern, bestaunt und still belächelt durch einen Weichzeichner.

Es ist frappierend wie nah Verbogt an meinem – und somit vermutlich auch an vieler anderer Menschen – Leben ist. Wie Thomas habe ich keine Kinder und wußte immer (auch wenn ich mich zeitweise immens gegen diesen Gedanken gewehrt habe), dass ich nie welche haben werde. Nur das warum ist mir stets unklar gewesen. Wie Thomas habe auch ich seit vielen Jahren die Eigenart abends das Haus zu verlassen und bis spät in die Nacht alleine durch Wohnviertel zu laufen. Was das bringen soll – ich habe es nie ergründen können. Wie Thomas habe ich die Unart den Kontakt zu Leuten aufrecht erhalten zu wollen, mit denen ich nichts mehr zu tun haben möchte. Doch nicht nur das, wie Thomas bin ich auch ich seit der Pubertät besessen von der blödsinnigen Idee jederzeit ein neues Leben anfangen zu können. Und wie Thomas habe auch ich panische Angst vor Einsamkeit – und blühe doch in nichts so sehr auf wie im Alleinsein. Ein Widerspruch, den ich nie recht entschlüsseln konnte. Je mehr Leute in einem Raum sind, desto stiller werde auch ich. Und je mehr Sätze gesprochen werden, desto mehr hinkt auch mein gedankliches Verarbeitungszentrum hinterher, überhitzt mein innerer Sammelsuriumspeicher.  „Ständig muss ich von allem und allen fort, es ist kein normales Fortgehen, ich taumle von überall weg, während sich meine Gedanken nur so überschlagen“, so beschreibt es Thomas. Nur eine von über hundert Formulieren, Einsichten, Feststellungen, die ich mir im Buch unterstrichen habe. Weil sie sich anfühlen wie die Antworten, die keiner meiner Psychotherapeuten (achso, Thomas war auch in Therapie, klar) mir in all den vielen Sitzungen je geben konnte. Und ich mir selbst schonmal gar nicht. Und die mir nun ein fast 70jähriger mal eben so auf knapp 200 Seiten locker aus der Hüfte serviert.

Es heißt, dass gute Freunde jeden Therapeuten ersetzen können. Wie Thomas kann ich das nicht so richtig beurteilen, wirklich tiefe Freundschaften sind mir fremd. Aber das ein richtig gutes Buch auf einen Schlag liefern kann, was sich auch in noch so vielen Therapiesitzungen nur schwerlich aus dem eigenen Lebenskern herausschälen lässt, das kann ich, ab hier und ab heut‘, bestätigen.

 

auteur: 
David Wonschewski